Tierisches Krafttanken für krebskranke Kinder und ihre Geschwister

Ein Ausschnitt aus einem Geschwisterprojekt am Lichtblickhof mit onkologisch erkrankten Kindern.

Pauls erster Tag am Lichtblickhof:

.. Paul sitzt neben der Pferdekoppel auf dem massiven Holzzaun und blickt auf die spielenden Kinder der neuen Gruppe. Er will nicht mitspielen, er hat zu überhaupt nichts Lust.

Das letzte Jahr in dem seine Schwester Nina andauernd mit Mama in der Klinik war hat in müde gemacht, er fühlte sich oft als letztes Rad am Wagen und war in letzter Zeit viel bei diversen Freunden oder bei Oma untergebracht. Das viele Hoffen und Bangen und die Sorgen um Nina, wie es mit ihr weitergeht, haben ihm viel Kraft gekostet. Es war jedes Mal eine riesen Freude, wenn Mama und Nina für kurze Zeit nachhause durften. Ihm blieb meistens die Luft weg, als die beiden wieder wegfuhren. Er war in der Schule leichter reizbar und eckte mit seinen LehrerInnen und den anderen Kindern an, aber dann mit der Zeit wurde er stiller, er zog sich mehr und mehr zurück, es hieß immer abwarten, Geduld haben, er fühlte sich oft einsam und hatte das Gefühl den Kontakt zu seiner Schwester verloren zu haben, den sie früher in ihren ausgelassenen Spielen als Geschwisterpaar gemeinsam spüren konnten.

…Als er gedankenverloren auf seinem Plätzchen sitzt, spürt er wie ihn ein warmer Atem an seiner Hand streift. Es ist der große sanfte Tamino (Criollo-Wallach) der sich ganz sacht genähert hat. Er stellt sich jetzt ganz dicht an Paul heran und bläst ihm nochmals etwas stärker in seine Hände als ob er spüren würde, dass Paul sich einsam fühlt. Paul betastet das weiche Pferdemaul und spürt nur den sanften Atem des Pferdes, er beobachtet das Gesicht des Pferdes ganz genau und ist berührt von  den klaren freundlichen Augen die nur ihn ansehen. Er hat keine Angst und fühlt sich plötzlich beschützt durch das große Pferd an seiner Seite, das gerade im richtigen Moment gekommen ist. Er streichelt seinen neuen Pferdefreund und kann sein warmes weiches Fell spüren. Er fühlt den Kontakt, kann die Zuwendung des Pferdes wahrnehmen und ist darüber dankbar….Tamino hat ihn gesehen, nur ihn, nicht seine Schwester und auch nicht die anderen Kinder. Das tut Paul gut.

Plötzlich stupst Tamino ihn sanft an der Schulter und hebt den Blick mit gespitzten Ohren in Richtung der spielenden Kinder. Paul kann gar nicht anders als seinem Blick zu folgen. Da entdeckt Paul seine Schwester Nina. Bisher hat er sie seit dem er hier sitzt gar nicht wahrgenommen. Nina ist fröhlich in Mitten den anderen Kindern am Reitplatz und den Pferden- sie wird unterstützt von einer Therapeutin an ihrer Seite, aber das merkt er kaum. Er sieht nur sie und ihr fröhliches Gesicht und hört auf einmal ihr Lachen, sowie früher als sie zusammen ausgelassen gespielt hatten.

So hat Paul seine Schwester seit langer Zeit nicht mehr wahrgenommen. Nina wirkt glücklich einmal Abstand von der Klinik zu bekommen und einen Ort zu finden, wo man sich durch die Tiere gebraucht fühlt und mit anderen Kindern die eigene Lebendigkeit neu entdeckt … Tamino bläst Paul abermals ins Ohr. Als ob er ihm zuflüstern würd: „Du schaffst es!“ Da gibt Paul sich einen Ruck, steht auf, streichelt Tamino noch einmal über die Nüstern und läuft zu seiner Schwester und den anderen Kindern um mitzuspielen. Tamino steht noch eine Weile am Zaun und beobachtet Paul und das Geschehen, dann geht er zufrieden wieder zu seiner Herde zurück um genüsslich am Gras zu knabbern.

Was geht in Paul vor?

Paul hat durch Taminos Kontaktaufnahme, sich selbst in anderer Art und Weise spüren können, es ist als ob Tamino eine Türe geöffnet hätte durch die es Paul wieder gelang mit seiner Schwester in Beziehung zu treten und sie in einem anderen Licht zu sehen. Geschwisterkinder reagieren auf sehr unterschiedliche Weise auf die Belastungssituationen die durch die onkologische Erkrankung des anderen Geschwisterkindes entstehen.
Durch den Kontakt mit den Pferden wird nichts ungeschehen, aber es lassen sich so manche Herausforderungen leichter ertragen. So auch im Fall von onkologisch erkrankten Kindern und Jugendlichen und deren Geschwistern, wie bei Paul und Nina.

Wie „funktioniert“ die Therapie?

„Unsere Pferde sind darauf trainiert, uns Rückmeldungen über die menschliche Körpersprache zu geben“, erzählt Geschäftsführerin Mag. Zink, die gleichzeitig auch für die Ausbildung der Pferde zuständig ist. Sie stellt die spezielle Methode der Equotherapie beim Verein e.motion – Lichtblickhof vor: „Pferde haben von Natur aus ein sehr feines Sensorium für Muskelbewegungen, um die Anspannung und Entspannung der Menschen wahrzunehmen. Werden Pferde dementsprechend geschult, dann können sie menschliche Körpersprache deuten und den TherapeutInnen ein Feedback geben. Dieser Punkt unterscheidet die Equotherapie auch von anderen Reittherapien.“ Es dauert drei Jahre, bis die Pferde so weit sind, um sie in der Equotherapie voll einsetzen zu können. Wie die einzelnen Pferde ihr emotionales Feedback kommunizieren, ist ganz vom Typ abhängig. Ein Pferd kann aber nur „reagieren“ auf sein Gegenüber. Was genau die Lebensthemen sind, die oftmals einen Leidensdruck im Alltag erzeugen, muss in weiteren Gesprächen und Analysen mit den begleitenden TherapeutInnen herausgefunden und altersgerecht verbalisiert werden. „Ein Pferd zeigt nicht das spezielle Problem eines Kindes, aber es reagiert auf beispielsweise eine hohe Anspannung oder Stressverhalten, oder es nimmt besondere Fähigkeiten des Kindes wahr die gemeinsam mit dem TherapeutInnenteam zur Stärkung des Kindes ausgebaut werden können. „“

Die Equotherapie wird von den Therapeutinnen als Training fürs Leben gesehen, wo Kinder und Jugendliche in einem geschützten Rahmen Handlungsstrategien für den Kontakt zu Mitmenschen lernen können. Durch Spiele und Übungen mit den Pferden werden sie dabei unterstützt, sich in ihrem sozialen Umfeld zu behaupten, Lösungen für Probleme zu finden und ihre Ängste in den therapeutisch begleiteten Gesprächen zu benennen und zu verarbeiten.
Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche im Alter von 6-19 Jahren im Rahmen einer Therapie mit Pferden beim Verein e.motion- Lichtblickhof wieder Halt, Selbstvertrauen und einen besseren Umgang mit der Krankheit und der neuen Geschwistersituation untereinander finden.

Speziell bei Kindern und Jugendlichen mit einer onkologischen Erkrankung, wie bei Nina, spielen körperliche und seelische Komponenten eng zusammen. Meist ist der medizinische Behandlungsverlauf mit körperlichen Eingriffen verbunden, die Diagnose und die Folgen der Erkrankung  inner- und außerhalb der Familie stellen eine große psychische Herausforderung dar und belasten oft das seelische Gleichgewicht. Die Interventionen mit den Pferden sprechen durch das Reiten, Bewegen und in Beziehung treten mit dem Tier, den Körper und die Psyche an.

Langjährige Partnerschaft
In Zusammenarbeit mit der Elterninitiative der Kinder-Krebs-Hilfe Wien, NÖ unf Bgld. wird die Equotherapie seit 2003 onkologisch erkrankten Kindern und deren Geschwistern als regelmäßige Therapie angeboten. Die Vernetzung mit dem Psychologinnenteam des St. Anna Kinderspitals und des AKHs ist für die adäquate Unterstützung der Kinder und Jugendlichen bei den Therapeutischen Angeboten mit den Pferden von besonderer Bedeutung.

Therapeutische Impulswochen am Lichtblickhof/NÖ im Sommer, wo erkrankte Kinder und Jugendliche und deren Geschwisterkinder gemeinsam gestärkt werden, sind Teil des Konzeptes des Verein e.motion. Das multiprofessionelle TherapeutInnenteam (PsychotherapeutInnen, HeilpädagogInnen, PsychologInnen, PhysiotherapeutInnen, PädagogInnen, Krankenschwestern) wird je nach Themenschwerpunkt der Impulswoche zusammengestellt und verfügt über eine zusätzliche Pferdetherapieausbildung. Dadurch kann ein optimales Betreuungsfeld zwischen Therapie und den Angeboten mit den Tieren gesetzt werden. Neben den Impulswochen gibt es noch das Angebot zur regelmäßigen wöchentlichen Therapie während dem Schuljahr. Die regelmäßige Therapie mit den Pferden findet am Gelände des Otto-Wagner-Spitals auf der Baumgartner Höhe, 1140 Wien statt.

In den vergangenen Jahren fanden dank der Finanzierung der Elterninitiative zudem noch ergänzende Projekte mit den Pferden für onkologisch erkrankte Kinder, Jugendliche und Familien statt: das therapeutische Familienwochenende , das Survivorwochenende, so wie die Freizeitgruppe „Fit fürs Leben“
Zurzeit werden die regelmäßigen Einheiten und die Impulswochen von der Kinderkrebshilfe Wien, NÖ und Burgenland mit einem geringen Selbstbehalt für die Familien finanziert.
Nähere Infos finden Sie unter www.pferd-emotion.at

Anmeldungen sind unter office@kinderkrebshilfe.wien möglich

Das könnte Sie auch interessieren

Nachruf Univ. Prof. Hansgeorg Schmeiser
jetzt lesen
Spende deine Zeit und hilf krebskranken Kindern und Jugendlichen
jetzt lesen
In Gedenken an einen großen Kämpfer und lieben Freund
jetzt lesen